Antisemitismus vs Holocaustüberdruss
Sind Vorurteile, wie dass alle Juden reiche Menschen seien, antisemitisch? Ich denke nicht, da ein solches Vorurteil noch keine Position festlegt. Ebenso wenig halte ich es für antisemitisch, wenn Polizeischüler, oder wer auch immer, äußert, dass sie genug von der andauernden Konfrontation mit dem Holocaust haben. Auch ich habe im Gymnasium die Erfahrung gemacht, dass dieses äußerst wichtige Thema in quasi allen Fächern behandelt wird und in Geschichte sogar soweit, dass viele andere wichtige Themen, wie die neuere Geschichte der Welt vernachlässigt werden. Im Prinzip dreht sich der Geschichtsunterricht ab der 10. Klasse nur noch um das 3. Reich und den Holocaust. Ist es da verwunderlich, wenn eine Art Übersättigung statt findet?
Ich finde es wichtig über die ersten fünf Jahrzehnte des letzte Jahrhunderts genau Bescheid zu wissen, um daraus zu lernen und dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder passiert. Dennoch fühle ich mich weder verantwortlich, noch schuldig, noch als Erbe dieses Reiches und auch ich bekomme bei Forderungen von Dritten an Deutschland oder an Deutsche, welche mit diesen Verbrechen begründet werden, immer häufiger einen dicken Hals. Israel (also der Staat/die Politik, nicht die Menschen) und der deutsche Zentralrat der Juden sind zum Beispiel solche Dritten. Ich sehe keine besondere Verantwortung für auch nur einen der beiden durch die heutige Bundesrepublik Deutschland.
Als vor kurzem katholische Bischöfe in den Palästinensergebiete die Bilder aus den Judengettos des dritten Reiches, welche ihnen wenige Stunden zuvor gezeigt wurden, wiedererkannten, war der Aufschrei dieser beiden auch groß und die Bischöfe machten vermutlich auf Drängen Benedikts einen Rückzieher und entschuldigten sich. Aber ich kenne Israelis und auch jüdische und nicht-jüdische Nicht-Israelis, welche schon seit bzw. vor Jahren genau die gleiche Beobachtung machten. Hier geht es nur noch um Schuldpolitik und Geld, nicht mehr um reale Aufarbeitung oder gar wirkliches Lernen aus der Geschichte.
Und in solchen Momenten verstehe ich auch, warum Länder wie die Türkei die Verbrechen aus der Vergangenheit nicht aufarbeiten möchten. Vielleicht ist Aufarbeitung der Vergangenheit ohne Schuldübernahme (welche sich letztendlich in Geldzahlungen etc. ausdrückt) in der Gegenwart nicht möglich. Dieser Prozess verhindert leider viel zu häufig, dass aus der Geschichte wirklich gelernt werden kann.