Nehmt die Güter von der Straße
Es kommt nicht besonders häufig vor, dass ich mit unserem Verkehrsminister einer Meinung bin. Doch die meisten Punkte, die er nun als “Anti-Stau-Paket” vorgeschlagen hat, sind valide und haben Hand und Fuß. Nichts (außer vielleicht die Spritpreise) nervt Die Speditionen sollten endlich anfangen sich zu überlegen, ob eine Verlagerung auf die Bahn oder den Fluß nicht sinnvoll wäre.
Vor kurzem kam in Abenteuer Wissen im ZDF eine kleine Reportage über ein alternatives Konzept namens Cargo Cap, an welchem in Bochum gearbeitet wird. Dabei sollen unterirdische Tunnel, mit einem Durchmesser von gerade mal 1,6m genutzt werden um Güter automatisch zu verteilen - vergleichbar zur früheren Rohrpost. Trotz einer auf den ersten Blick langsam erscheinenden Geschwindigkeit, wäre das System vielfach schneller als ein vergleichbarer LKW-Transport und würde die Umwelt und die Straßen schonen.

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1 Besim Karadeniz
Problem dabei ist: Der Güterverkehr hat sich in den letzten 20, 30 Jahren dramatisch gewandelt. Wir bestellen immer mehr individuell direkt bei entfernten Lieferanten, anstatt in der Stadt zu kaufen. Außerdem wollen wir nicht mehr zwei, drei, vier Tage auf das Paket warten, sondern es morgen haben. Und außerdem wollen wir Wettbewerb bei Paketdiensten. Und als Bier reicht nicht mehr das regionale, sondern es muss das Fernsehbier sein. Und gleichzeitig wollen wir natürlich alle auch mobil bleiben.
Sprich: Das, was der Verkehrsminister da gerade fordert, ist klassische Sommerlochtheoretik, das an der Wirkung herumdoktert, nicht an der Ursache.
30.06.2008, 10:51 Uhr
2 Martin Hiegl
Die Ursache, der Luxus, den wir haben wollen, ist nicht verwerflich und muss nicht diese Folgen haben. Die Wirkung kann eben durch eine moderne Lösung wie beschrieben oder auch durch Tiefensees Konzept bekämpft werden.
Die Ursache bekämpfen würde bedeuten den Fortschritt zu bekämpfen. Das wäre unsinnig. Die Wirkung zu lenken, dass ist schon der richtige Weg.
Ein LKW muss nicht zwischen 6 und 9 fahren um mir das Fernsehbier zu liefern und überholen muss er dazu auch nicht. Zudem wird meiner Meinung nach der meiste LKW-Betrieb von der Wirtschaft und damit nur indirekt vom Verbraucher erzeugt.
30.06.2008, 11:19 Uhr
3 Siegfried Gipp
Hmmm, das könnte doch die Grundlage sein für eine interessante neuartige Geschäftsidee. Individuelle Bestellungen sind ja ganz schön und gut, aber heutzutage sind doch meist Beide arbeiten, und der Nachwuchs treibt sich sonst wo rum. Mit anderen Worten: Der Lieferservice steht bei Privatkunden i.d.R. vor verschlossener Tür.
Wie wäre es mit einer Art lokaler Lagerhalle. Betrieben ähnlich wie ein Warenhaus oder Großmarkt. Dorthin können die bestellten Güter geliefert werden und von den Empfängern dann zu beliebiger Zeit abgeholt werden. Als Privatkunde mietet man sich dort einen gesicherten Stauraum und kann dann jederzeit seine bestellten Waren dort abholen, wenn es sein muss, auch um Mitternacht.
Ganz besonders lohnen würde sich eine solche Lagerhalle an beliebten Pendlerrouten. So könnte man Abends, wenn man von der Arbeit kommt, noch schnell ohne Umweg im Lager nachsehen. Und ganz komfortabel wird’s, wenn die Mieter per SMS (automatisch) benachrichtigt würden, wenn Etwas da ist.
Im Prinzip ähnlich wie früher das Postfach, nur eben mit Stauraum auch für Pakete. Bei Bedarf und konkreter Bestellung auch mal Stauraum für beispielsweise ein Segelboot.
30.06.2008, 13:49 Uhr
4 Martin Hiegl
Das nennt sich Packstation. Ich fände es aber noch besser, wenn die einfach zu Zeiten vorbeikommen würden, an denen ich Zuhause bin.
30.06.2008, 14:22 Uhr
5 Besim Karadeniz
@Martin: Die Tunnelgeschichte liest sich ja ganz nett, allerdings: Wer zahlt die? Problem wird sein, dass der Tunnel erst dann funktioniert, wenn er fertiggebaut ist und damit das System überhaupt einigermaßen funktional wird, müsste es ein Tunnelnetz geben. Die Ideen dazu gibt es seit Jahrzehnten, allerdings ist es fraglich wer (außer der Staat) in der Lage ist, in milliardenschwere Vorleistung zu gehen, bevor auch nur ein einziges Paket damit versendet werden kann.
Letztendlich muss man gar nicht so weit greifen, denn es gibt beispielsweise die Eisenbahn, die dennoch stetig seit Jahrzehnten an Marktanteilen im Binnentransport verliert. Und dabei sind Bahnhöfe in der Regel deutlich zentraler angesiedelt, als Flughäfen, Brief- und Paketverteilzentren.
Zum Thema des Erzeugers von Logistikanforderungen: Selbstverständlich ist es der Konsument, der das Bier günstig haben will. Und genau das regelt den Markt sogar ziemlich direkt. Die Logistikkosten sind dabei - dank des starken Wettbewerbs - eher nachrangig.
Um die Probleme des höheren Verkehrsaufkommens zumindest akut in den Griff zu bekommen und auch die Unfallträchtigkeit wirklich signifikant zu senken, wäre ein allgemeines Tempolimit die erste Wahl. Das aber ist keine Sache, die ein Verkehrsminister gegen Ende der Legislaturperiode freiwillig verkaufen will. Und da sind wir beim Kernproblem der aktuellen Forderungen des Herrn Ministers, denn Luftnummer bleibt Luftnummer.
30.06.2008, 15:13 Uhr
6 Peter Hiegl
Ich bin ja inzwischen mit meinem Umzug fertig,… naja fast. Dabei musste ich ne Menge bestellen, weil es 1. nicht in mein Auto passt und 2. das Internet bequemer ist, als die Suche in 20 verschiedenen Läden und 3. ich das Zeug zu ner bestimmten Zeit in der Wohnung wollte, also Teminlieferung benötigte.
So ne Paketstation wäre also nichts für mich (höchstens sie hätte einen Liefersevice inklusive :-D)
Ob ein Tempolimit wirklich die gewünscht Wirkung hat, oder gar eine Gegenteilige ist nicht ausreichend erforscht. In mehreren Studien wurden dabei höchst unterschiedliche Ergebnisse (sowohl signifikant als auch nicht signifikant) veröffentlicht.
Höheres Verkehrsaufkommen lässt sich aber auf jeden Fall durch Vehrkehrslenkungsdinger (sowas wie bei Hannover auf der A7) regeln.
30.06.2008, 17:32 Uhr
7 Tom Rollos
Das sieht man mal wieder wie viel unser Verkehrsminister eigentlich von Verkehr versteht.
Gut LKW Überholverbot ist schon ne gut Sache aber was kommt als nächstes.
Gesundheitsminister fordert weniger Kranke?
01.07.2008, 12:02 Uhr
8 Marlen Kuchta
Es wurden schon soviele Alternativen vorgeschlagen, wie der Zeppelin Transport, was Millionen verschlang und auf Eis gelegt wurde, Bahnhöfe für Güterzüge auf Eis gelegt, und und und ist auch klar was für Steuern sollen sie dafür verlangen? Naja sollen sie mal machen am ende sind ja doch wir die dafür zahlen wie immer.
01.07.2008, 13:11 Uhr
9 oliver t. gassner
Mir hat mal ein Hobby-Einenbahnexperte erklärt, dass man gar nicht mehr Verkehr auf die Schiene kriege, da die ohnehin schon mit Güterverkehr überlastet sei. Vielelicht weiss hier jemand mehr ;)
Die Info kam übrigens von http://b...lus.de/
01.07.2008, 19:22 Uhr
10 Martin Hiegl
Kann ich mir gut vorstellen, Oliver. Aber ich denke das hängt dann eher mit der BAHN als Quasimonopolist zusammen wie mit den allgemeinen Möglichkeiten, die die Schiene bietet. Deshalb bin ich für eine Zerschlagung der Bahn. Für die Infrastruktur (Netz und dessen Steuerung) sollte es ein eigenes Unternehmen geben. Da die Bahn noch nicht privat ist, wäre das auch kein Problem das umzusetzen.
02.07.2008, 9:04 Uhr
11 M. Erdmann
>>> Dabei sollen unterirdische Tunnel, mit einem Durchmesser von gerade mal 1,6m genutzt werden um Güter automatisch zu verteilen - vergleichbar zur früheren Rohrpost. Trotz einer auf den ersten Blick langsam erscheinenden Geschwindigkeit, wäre das System vielfach schneller als ein vergleichbarer LKW-Transport und würde die Umwelt und die Straßen schonen.
Wer soll das bezahlen? Der Staat hat ja nicht einmal genug Geld, um das vorhandene Strassennetz zu unterhalten.
Zur Bahn: selbst die Deutsche Bahn AG nutzt für Ihr „Schienenverkehr“ auf Relationen bis zu 120 km den Lkw-Verkehr als kostengünstigeres und flexibleres Verkehrsmittel.
Fakt ist: im EU - Durchschnitt sind Waren per Bahn mit der Geschwindigkeit eines mittleren Radfahrers unterwegs- mit 14 Km/h.
Starres Tarifsystem, nicht dem Bedarf angepasste Fahrpläne, fehlende Rationalisierung und andere Versäumnisse beschleunigen den Niedergang.
Nicht einmal die Alpenländer Österreich und Schweiz schaffen es, den Transitverkehr auf die Schiene zu verlagern.
Der Endverbraucher ist daran Schuld, dass es so viele Lkw - Transporte gibt. Es muß Wasser aus Frankreich sein, natürlich reichen 10 Sorten Joghurt im Kühlregal nicht und das regionale Bier schmeckt wie Pisse - deshalb will der Sachse “Bitburger” und der Schwabe “Jever”.
Im Auto auf dem Weg zur Schwiegermutter wird sich dann aber über jeden Lkw aufgeregt, der die automobile Freizeit stört…
08.07.2008, 1:04 Uhr
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