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Das deutsche Schulsystem an seinen Grenzen

February 8th, 2008 at 10:45 by Martin Hiegl

Wenn man ein Buch gegen den Kopf schlägt und es klingt hohl, ist nicht immer das Buch daran schuld.

An dieses Zitat muss ich zur Zeit öfters denken, wenn wieder über das G8-Abitur und die armen Schüler diskutiert wird - und das aus mehreren Gründen:

Anscheinend wurden die Lehrpläne in Baden-Württemberg nicht wirklich entrümpelt, obwohl ein Jahr weggenommen wurde. Zuerst einmal sollte man sich fragen ob eine Verringerung des Lehrstoffes notwendig wäre, wenn kein Unterricht ausfällt. Dann sollte man sich bewusst werden, dass es keine Lehrpläne mehr gibt, sondern vor ein paar Jahren statt dessen Bildungsstandards eingeführt wurden. Anhand dieser Rahmenbedingungen für einen Zeitraum von je zwei Jahren bekamen die Schulen die Möglichkeit selbst einen Lehrplan zu auszuarbeiten. Jahrelang haben sich Lehrer über den Lehrplan des Ministeriums aufgeregt, mehr Mitspracherecht und mehr Einfluss gefordert. Nun bekamen sie die Möglichkeit im Rahmen des Erforderlichen selbst über die konkreten Inhalte zu entscheiden. Ich selber habe damals in der Schulkonferenz zugestimmt, dass es ein Jahr lang nur minimal außerschulische Aktivitäten (Schullandheime …) statt finden und statt dessen die Lehrer in diesem Jahr an den neuen Lehrplänen für die Schule arbeiteten. Viele Schulen scheint das überfordert zu haben und sie haben stattdessen einfach die alten Lehrpläne genommen oder ihre selbst erstellten nach der G8-Änderung nicht angepasst zu haben. Das ist aber kein Problem der Politik, sondern ein Problem der Schulen und Lehrer. Die Politik kann da nun auch nicht wirklich etwas ändern - ich glaube, dass sich auch bei einer Änderung der Bildungsstandards nicht unbedingt etwas an den Lehrplänen der Schulen ändern würde.

Vielfach wird behauptet, dass die Schüler viel zu viele Unterrichtsstunden haben und schon in Wochenstundenbereiche kommen, wie sie Erwachsene haben. Wenn man von 32 Wochenstunden bei Schülern spricht, sind das allerdings nur 24 echte Stunden. Anscheinend kommen Gymnasiasten in Deutschland durchschnittlich 933 volle Stunden Unterricht pro Jahr, während in Frankreich 990 Stunden und in den Niederlanden, Irland oder Liechtenstein sogar über 1000 Stunden die Schüler erwartet. Das hat natürlich auch mit der Ganztagesschule zu tun. Diese kann ein Ziel in Deutschland sein, allerdings muss dabei strukturell einiges geändert werden. Ich hatte damals auch kein Problem mit 36 Schulwochenstunden in der Halbtagsschule. Sechs der Stunden wurden als “Mittagsschule” verteilt. Dennoch hatte ich viel Freizeit. Zugegebenermaßen machte ich ab der neuten Klasse auch keine Hausaufgaben mehr und hatte keine Probleme in den Stunden mitzukommen (das geht natürlich nicht, wenn man sich nicht beteiligt) oder auf Klausuren zu lernen, womit wir aber zum dritten Punkt kommen.

Letztes Jahr sind in Baden-Württemberg 39,5 % der Viertklässler auf das Gymnasium gewechselt. Über die Gründe kann man sich streiten, aber dass das Folgen hat, sollte klar sein. Eine der Folgen ist sicherlich, dass viele Schüler Probleme haben mitzukommen und stundenlang an Hausaufgaben arbeiten oder Nachhilfe nehmen müssen. Dem kann man begegnen, indem man das Niveau der gesamten Schulbildung senkt. Ob das sinnvoll ist, bezweifel ich stark.
Um den Anforderungen der Gesellschaft, weniger Facharbeiter und mehr Studierte zu bekommen, gerecht zu werden, ohne das Gesamtbildungsniveau zu senken, muss die Bildungsstruktur überarbeitet werden. Dabei würde ich mich an einem angelsächsischen System orientieren mit zwei Stufen. Nach dem ersten Abschluss ist eine Ausbildung/Lehre möglich und nach dem zweiten Abschluss ein (Bachelor-)Studium. Ich stelle mir das so vor, dass vier Jahre lang allen das selbe gelehrt wird, dann für fünf oder sechs Jahre ähnliche Inhalte in unterschiedlichen Graden (Schwerpunkt, Allgemeinbildung, Grundkenntnisse) gelehrt werden und dann für zwei oder drei weitere Jahre die jetzige Oberstufe kommt. Aber dazu ist ebenfalls eine strukturelle Änderung mit größeren, konzentrierten Schulen notwendig.

5 Responses to “Das deutsche Schulsystem an seinen Grenzen”

  1. 1 · Stephan Aufsfeld · 08.02.2008, 11:47

    In der Theorie klingt das auch alles wunderbar - aber red mal mit Eltern, deren Kinder im G8 sind. Die müssen die Kids teilweise aus Sportvereinen abmelden, damit die Abends (!) Zeit für Hausaufgaben haben.
    Und 20 Jahre nach dem Abiture sehe ich den Sport (=Gesundheit) als gleichwertig ;-)

    Du hast ab der neunten keine Hausaufgaben mehr gemacht - schöner Zustand. Heute bekommen die Lehrer den Stoff nicht mehr in den Wochenplan und fordern das als Hausaufgabe von den Schülern nach.

    Ich gebe Dir recht: Bildungsniveau und -sytem gehören neu definiert.

  2. 2 · Martin Hiegl · 08.02.2008, 12:57

    Eventuell müssen sie sich auch fragen, ob das Kind im Gymnasium richtig aufgehoben ist oder eine Realschullaufbahn mit ggf. anschließendem (Fach-?)Gymnasium besser wäre.

    Schon damals haben die Lehrer den Stoff (über den sie ja selbst entscheiden) nicht mehr in den Wochenplan bekommen. Es war genauso normal, dass man in den Büchern mehrere Kapitel hinter Plan lag und dann im Folgejahr der neue Lehrer entsetzt war, was alles fehlt. Das war und ist Schulalltag - muss man durch.

    Ein Problem bei der vollständigen Überarbeitung ist wohl, dass immer nur auf Vergangenes aufgebaut werden soll - Rückwärtskompatabilität ist ein Fluch ;-)

  3. 3 · Mario · 09.02.2008, 03:12

    Lieber Hiegl

    Hier ein Video zum Thema (etwas allgemeiner):
    Do Schools Kill Creativity ? von Ken Robinson
    http://w...E55wbtY

    Ich bin eigentlich mit dem Schulsystem das ich durchlief recht zufrieden (Schweiz)- Zwischendurch war ich mal eine 9te Klasse lang auf einem bayrischen Gymnasium, wo ich vor Unterforderung fast eingegangen wäre. Ich kann das nicht an einem Punkt festmachen..

    Einige Unterschiede (damals), die mir geblieben sind:
    - In der Schweiz war Schule von 7.50 bis meistens 16:10, jeden Tag etwa 8-9 Lektionen. Stunden sind sehr selten ausgefallen.
    - Ein Fachlehrer blieb für etwa 3-4 Jahre bei einer Klasse..

    PS: Wenn man mehr Studierte will, sollte man vielleicht über das universitäre Bildungssystem nachdenken… Ich musste letzten Sommer mein Studium der Psychologie abbrechen, nachdem ich gezwungen war, zu fast 80% neben dem Studium zu arbeiten (keine Unterstützung der Eltern (meine Mutter ist alleinerziehend und soll lieber meine 2 Geschwister durch die Schule bringen), kaum staatliche Förderung), einfach um Miete und Essen zu bezahlen. Fürs Studium blieben da die erforderlichen 60 Stunden pro Woche einfach nicht übrig- Ich hatte ja noch einen Haushalt zu führen.

    Das Bachelor-System ermöglicht auf der einen Seite ja theoretisch schnelle Studienabschlüsse- mir persönlich hat es die Möglichkeit eines höheren Abschlusses erstmal verbaut.. Und berufsbegleitende Fernstudien sind extrem teuer.. Mit nur einem Abi finde ich schlecht einen gut genug bezahlten Teilzeitjob. Und einem potentiellen Arbeitgeber einen Studienabbruch zu erklären ist auch nicht ganz einfach.

  4. 4 · Peter Hiegl · 10.02.2008, 22:31

    Tja, wo gehobelt wird… :-)

    Du hast vollkommen recht, dass es keine Lösung ist, das System umzustellen und die Lehrer dann alleine zu lassen. Dafür sind die einfach nicht ausgebildet.
    Nicht nur das System könnte überarbeitet werden, sondern auch der Inhalt. So muss man sich doch fragen, was jemand benötigt, um später sowohl beruflich auch als privat ein zufriedenes Leben führen zu können und was einfach nur ntk ist.
    Leider kann man die Schulsysteme (nicht nur wegen der Ganztagesschulen) nicht so einfach mit anderen Ländern vergleichen. So hat man in Frankreich z.B. die education national und auch später noch ein breiteres Spektrum an Bildungs bzw. Studiermöglichkeiten. So gibt es nach der “allgemeinen Grundausbildung” eine spezielle technische Richtung (frag mich nicht nach dem Namen, das Seminar ist auch schon ne Weile her ^^), die Universitäten (die wenig angesehen sind, aber für nen normalen Uni-Abschluss reichen) und die Grand Ecoles (die die Elite Frankreichs ausbildet). Das führt zu einer sehr starken Trennung von Mileus, hat aber natürlich auch Vor (und andere) Nachteile.

    Das wäre z.B. eine Möglichkeit eine Bildungssteigerung einzuführen, indem über der Uni noch Elite Schulen (nicht vergleichbar mit unseren Elite Unis) angesiedelt werden. Doch so hart es klingt, bin ich für eine Steigerung des Niveaus in den jeweiligen vorhandenen Schienen in Absprache mit einer Renaissance des Facharbeiters.

    Eine andere wichtige Frage ist dabei aber auch natürlich der Sinn des deutschen Bildungsförderalismus, der Ausbildungsweg der Lehrer und nicht zuletzt, der Erziehungsauftrag der Schule (so es einen gibt).

    Doch über all diese Punkte gibt es schon ne Menge Literatur, Forschung und auch Beispiele… die Politik müsste sich “halt” strikt darum kümmern und dass nicht als Nebenthema behandeln, das zu Wahlzeiten kurz wichtig wird.

  5. 5 · Speakerscorner · 26.02.2008, 23:10

    Schulentwicklung und PISA…

    Die Diskussionen über notwendige Maßnahmen haben Hochkonjunktur. Die PISA Ergebnisse haben die Öffentlichkeit aufgerüttelt und die Diskussionen halten durch die internationale Vergleichbarkeit auch an. Alles gerechtfertigt in der Intension allen de…

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