Unterschichtenarmee
Ich verstehe den Punkt, auf welchen Michael Wolffsohn in seinem Artikel zum Zustand der Bundeswehr aus der Welt hianus will. Nichtsdestotrotz verennt sich der Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehruniversität München hier ein bisschen. Schon seine Satz, dass Abiturienten unter den Offizieren unterrepräsentiert wären, um die Bildungsferne der deutschen Armee zu unterstreichen, ließ mich stutzen. Ich zitiere aus Wikipedia (bestimmt nicht zitatfähig für ihn):
Als Einstellungsvoraussetzung ist im Regelfall das Abitur oder eine in Bayern anerkannte Fachhochschulreife erforderlich.
Auch der Satz davor – Abiturienten kommen in der Regel aus wohlhabenderen Familien – hab ich so noch nicht belegt gesehen. Es ist korrekt, dass ein Kind aus einer wohlhabenderen Familie eher auf’s Gymnasium kommt und Abitur macht – wenn man Wikipedia glauben schenkt (ups, schon wieder) 85% der Kinder gegenüber 36% der Kinder aus nicht so wohlhabenden Familien. Wenn es aber 2,36 mal so viele nicht wohlhabende Familien gibt, dann ist das in der absoluten Menge der Abiturienten schon wieder ausgeglichen. Bei aktuell schon deutlich über 30% Gymnasiasten aus einem Schuljahrgang halte ich das für nicht so unwahrscheinlich.
Im Kern hat er hier trotzdem recht – für bildungsferne Schichten bietet der Dienst in der Truppe einen relativ sicheren und attraktiven Arbeitsplatz und das wird entsprechend genutzt.
Etwas später im Artikel kritisiert er, dass sich 60% der jungen Männer dem Wehr- und Zivildienst und damit der Bürgerlichkeit entziehen würden. Tatsächlich ist es ja so, dass wir a) immernoch eine Wehrpflicht haben und die Zivildienstleistenden sich selbiger schon entziehen und dass b) die BW gar keinen Bedarf mehr an so vielen Wehrdienstleistenden hat, so dass die Politik z.B. durch Änderungen bei den Tauglichkeitseinstufungen die zur Verfügung stehenden Menge junger Männer bewusst verringert hat.
Ich selbst bin ein Beispiel dafür, dass die BW diesen Bedarf nicht mehr hat: ich hätte eingezogen werden können und wurde es nicht. Also habe ich angefangen meinen Beitrag zur wirtschaftlichen Wertschöpfung der Bundesrepublik zu leisten und den Sold der Eingezogenen und der Freiwilligen mitzubezahlen. Achso, auch Herr Wolffsohn wird wohl aus dem Steuertopf bezahlt, den ich und die vielen anderen Entzieher mit füllen.
Als letzten Punkt ein Kommentar zu seiner Kritik, dass die Bundesweh nicht intellektuell genug wäre. Tatsächlich gibt es nur an Offiziere eine explizite Anforderung diesbezüglich. Eigentlicher Hintergrund für diese Aussage von ihm ist allerdings, dass er nur Geisteswissenschaftler als Intellektuelle anerkennt. Ich bin mir nicht sicher ob es sich hier um Arroganz handelt oder ob der Mann ganz ohne selbige in seiner eigenen (Geistes-)Welt so gefangen ist. Auf letzteres deutet zumindest seine unbestimmte, ungerichtete Medienkritik im letzten Satz des selben Absatzes hin.