Das Unternehmermensch
Nach meinem letzten Artikel über Nokias Werkschließung, will ich hier nochmal die Kritiker ansprechen. Ich frage mich, warum viele Menschen sich selbst unternehmerisch verhalten, es dann aber bei Unternehmen nicht akzeptieren können, wenn selbige sich unternehmerisch verhalten. Viele Bürger versuchen jedes Jahr erneut bei der Steuererklärung den Staat zu bescheißen oder zumindest besonders viel Steuerrückzahlungen herauszuschlagen. Auch sonst werden Leistungen, Subventionen, des Staates wie zum Beispiel Kindergeld als selbstverständlich angenommen. Beim Einkaufen wählt man zwischen Discounter, Handelskette und Fachgeschäft nach absolut unternehmerischen Gesichtspunkten, wie Preis, Qualität und damit auch Zweck. Das Hackfleisch für’s Chili holt man beim Discounter, für den Hackbraten vermutet man bei der Handelskette die bessere Qualität und wenn die Erbtante auch noch zu Besuch kommt, dann geht man halt doch zum Metzger um die Ecke. Zu selbigen geht man auch, wenn ein toller Sauerbraten eingelegt werden soll und man auf jeden Fall ein schönes Stück Fleisch haben möchte. Wenn die Packung Gummibärchen beim Lidl teurer ist als beim Edeka, kauft man sie bei letzterem. Die Beispiele sind zugegebenermaßen etwas konstruiert, aber ich denke, dass der Punkt ganz gut rüberkommt. Also nochmal die Frage: Warum?
Ich kenne die genauen Gründe von Nokia nicht, ihr Werk in Bochum zu schliessen.
Richtig ist aber, dass Unternehmen im allgemeinen nicht altruistisch handeln. Ein gutes Unternehmen ist ein Unternehmen, dass nachhaltig im Mittel Gewinn erwirtschaftet, so sich selbst erhält und seinen Gesellschaftern Unternehmergewinne, seinen Mitarbeitern das Einkommen sichert, seinen Kunden gute Produkte und Dienstleistungen beitet und auch seinen Lieferanten Umsätze beschert sowie der Gesellschaft nützt, in der es existiert. In genau dieser Reihenfolge. Das ist Teil der selbstregulierenden Kräfte am freien Markt. Dieses Spiel in einer guten balance zu halten ist Aufgabe der Rahmenbedingungen, die von diesen Kräften selber und aber auch von der Gesellschaft geschaffen werden. Dabei ist Gesellschaft nicht gleich der Staat, sondern wir alle, auch der Staat. Im Falle Nokia ging offensichtlich die Rechnung nicht auf. Denn Aufgabe der Unternehmen ist es nicht in erster Linie, Arbeitsplätze zu schaffen und zu garantieren. Das ist nur Mittel zum Zweck. Ein immer wesentlicherer Teil der Rahmenbedingungen ist die Globalisierung und die globale Gesellschaft.
Deutschland muss sich der Globalisierung stellen. das tut es momentan nur in manchen wenigen Industrien. Die “Awareness” darüber ist in deutschland nicht gut ausgeprägt. Alle tun überrascht von den Folgen, wenn es schon zu spät ist. Bochum, denke ich ist kein Einzelfall.
Wasa muss Deutschland tun. Eigentlich jedes Land. Es muss sich der Globalisierung und den Herausforderungen offensiv und agressiv stellen und den globalen Wettbewerb aufnehmen. Es muss Verkrustungen in den eigenen Köpfen, Märkten, Unternehmen und Organisationen aufbrechen, es muss innovativer werden, es muss alte Zöpfe abschneiden, es muss junge Talente und Ideen, die im globalen Wettbewerb bestehen können, fördern. Das ist wie das Vetrikulieren eines Gartens. Wenn wir das nicht tun, geht es nicht nur um eine Werksschliessung in Bochum.
Deswegen mache ich StartupWeekend.
Danke, Cem. Selten das Ganze so gut zusammengefasst gelesen.
Kennst du “Die Welt ist flach” von Thomas L Friedman?
Natürlich. Steht bei mir im Regal. Ich finde das Buch aber schlecht geschrieben. Sehr schwafelig. Die zweite revidierte Auflage ist sogar noch schwafeliger.
Ich hab es nur auf deutsch gelesen und will jetzt nicht gleich dem Autor die Schuld geben – vielleicht liegt es an der Übersetzung. Auf der anderen Seite ist dieser ausschweifende, vielfach redundante Stil typisch amerikanisch, so dass es sehr gut an ihm liegen kann.
Auf jeden Fall finde ich den Inhalt sprich die Aussagen udn Beobachtungen die er macht außerordentlich interessant und zumindest bedenkenswert, auch wenn man ihm nicht in allem zustimmen mag.
Ich habe beide Ausgaben im Original. Also amerikanisch. Wie du sagst, es dieser “ausschweifende, vielfach redundante Stil”. Die Kernaussage finde ich natürlich interessant und sehr wichtig.
Eine Passage von Cem trifft einiges sehr gut! Danke für den Ball den ich gerne aufnehme.
“Ein gutes Unternehmen ist ein Unternehmen, dass nachhaltig im Mittel Gewinn erwirtschaftet, so sich selbst erhält und seinen Gesellschaftern Unternehmergewinne, seinen Mitarbeitern das Einkommen sichert, seinen Kunden gute Produkte und Dienstleistungen beitet und auch seinen Lieferanten Umsätze beschert sowie der Gesellschaft nützt, in der es existiert.
In genau dieser Reihenfolge. Das ist Teil der selbstregulierenden Kräfte am freien Markt.”
Ob die oben genannte Reihenfolge so zutrifft möchte ich nicht weiter bewerten. Wichtig ist die oben genannte Nachhaltigkeit – und die fehlt in der Entscheidung Nokias vollständig. Das Management hat eine Entscheidung getroffen, bei der Umsetzung aber eklatant versagt. Das Image der Marke wurde/ wird dadurch in dem sehr empfindlichen Marktsegment der Handys ein Schaden zugefügt, der gar nicht abgeschätzt werden kann.
Eine Diskussion über die Stützung der eigenen Absatzmärkte möchte ich nicht beginnen, aber die Frage wer langfristig die eigenen Produkte kaufen soll dürfte eigentlich auch nicht vergessen werden. Man erinnere sich dabei an Henry Ford, der sicher mit seinem unternehmerischen Kalkül mit für unsere moderne Konsumgesellschaft verantwortlich zeichnet.
Zu behaupten der Markt sei selbstregulierend ist allerdings nun wirklich überkommenes Gerede welches im modernen Europa schon lange nicht mehr stimmt.
Der Markt ist im Gegenteil zu reguliert und es gibt zu viele Rahmenbedingungen, die einen wirklich freien Markt wie man ihn sich wünschen würde gar nicht ermöglichen.
So sind das leider nur ständig wiederholte, leere Phrasen :-(
Das Management mag bei der Kommunikation versagt haben, aber nicht unbedingt bei der Umsetzung. Es stimmt dass der Schaden nicht (zumindest von uns) abgeschätzt werden kann – ich halte ihn für äußerst gering. Die größte Käufergruppe von Nokia interessiert sich einen feuchten Kericht für die Werksschließung.
Solange subventioniert wird, wird der Markt verzerrt und eine Abwanderung wie Nokias ist eben diese Selbstregulierung/Selbstheilung des Marktes – ohne die Subventionierung wäre sie schon früher erfolgt und die Arbeitsplätze in Deutschland hätte es womöglich gar nie gegeben.
Diese Entscheidung von Nokia ist auch absolut nachhaltig gedacht: 6% der Produktion vs 23% direkter Produktions-Lohnkosten (jeweils weltweit) kann nicht für lange aufrecht erhalten werden.
Durch 3000 gesicherte Arbeitsplätze, sichert sich Nokia auch keinen Absatzmarkt in Deutschland, ganz abgesehen davon, dass die 3000 ja jetzt nicht für immer zur Arbeitslosigkeit oder gar zur Armut verdammt sind.
Das Bild davon, dass es durch die Verlagerung der Produktion, dem “Nearshoring” in diesem Fall, in Deutschland irgendwann keine Arbeit und damit keinen Lohn gäbe, ist natürlich Unsinn. Unsere Wirtschaft verändert sich weiter und ja, eine Volkswirtschaft könnte auch ausschließlich auf Dienstleistung beruhen (wird aber nicht). Wie Cem sagt: Deutschland muss sich der Globalisierung stellen – das ist eine Chance!